BEZIEHUNGSPROBLEME DES STOTTERNDEN

Aus ärztlicher Sicht liegt eine Tendenz vor, schwer zu verstehende Probleme auf organischer Basis zu interpretieren. In der Tat kann man denen, die hinter dem Stottern zweifellos eine interpretative Komplexheit sehen und deshalb eine organische Beteiligung vermuten, kein Unrecht geben. Diese organizistische oder genetische Thesis scheitert allerdings an der deutlichen Sprechflüssigkeit, die der Stotternde in der Ruhe der privaten Umgebung oder anderen Situationen aufweist, bei denen er keinen Blicken oder dem Urteil Anderer ausgesetzt ist. Die Symptomatik des Stotterns ändert sich je nach der Situation, in der der Stotternde sich befindet und mit welchen Personen er in Kontakt kommt.

Das stotternde Kind zum Beispiel fürchtet sich extrem davor, in der Schule abgehört zu werden oder davor, ein schon vorgetragenes Argument zu wiederholen. In der Angst aufgerufen zu werden und vor seinen Klassenkameraden reden zu müssen, befindet es sich im Zustand ständiger Aufregung.
Im Gegenteil, ist es im Verhältnis mit Freunden oder nahstehenden Personen stark erleichtert, da diese sein Selbstwertgefühl nicht beanspruchen und es nicht beurteilen. Manchmal, wenn die Symptomatik stark ausgeprägt ist, wird es in der Schule sogar vom Vorlesen entbunden, was wiederum sein Selbstwertgefühl mindert und die Allgemeinsituation verschlechtert.

Beim Stotterer in der Pubertät können Sprechschwierigkeiten schwerwiegende Auswirkungen auf die normale Entwicklung des Charakters haben, die in jenem Alter ja schon kompliziert genug ist. Es können Momente der Isolierung auftreten, während denen es nicht möglich ist, sich mit der Gruppe Gleichaltriger korrekt auszudrücken, was zu Erscheinungen von starken Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstmitleid führen kann, mit deutlichen depressiven Anzeichen.

“Es handelt sich hierbei um Aspekte, die das Nachdenken über ein Problem anspornen müssen, das sich mit der Sprache als endgültiger Fakt der Symptomatik äußert, aber eine viel größere Sphäre umfasst, und zwar jene der Persönlichkeit und hauptsächlich die Sicht von sich selbst, im Verhältnis zu den Mitmenschen.’’

Sollten in dieser Phase keine grundliegenden Änderungen stattfinden, riskiert das stotternde Kind oder der stotternde Jugendliche, ein stotternder Erwachsener zu werden, mit ernsthafter Schädigung der relationalen Struktur auf verschiedenen ebenen der Persönlichkeit.

Deshalb ist es ausgesprochen einschränkend, das Problem des Stotterns nur als ein einfaches Sprech- bzw. Sprachproblem zu betrachten. Dieser Ansatz begrenzt das gesamte Thema und vernachlässigt die Wichtigkeit der psychologischen und relationalen Bedeutung, die die Sprache für die Menschen in seinen alltäglichen Beziehungen darstellt.
Wer glaubt, dass das Stottern nur eine einfache Störung des Redeflusses darstellt, wie das in der Kultur der simplen verbalen Modifikation beim Stottern erfolgt, hat die Tendenz, den essentiellen psychologischen Wert der Sprache aus den Augen zu verlieren, da die Sprache bzw. die Fähigkeit zu sprechen, ein extrem raffiniertes Instrument verkörpert, das die Menschen ausgearbeitet haben, um Gedanken und Gefühle zu vermitteln.
Die große Anzahl an stotternden Jugendlichen und Erwachsenen sagt viel darüber aus, dass man in der Kindheit nicht genug dagegen machen konnte.
Selbstverständlich haben viele Familien mit stotternden Kindern aufgegeben, gerade aus dem Grund, dass sie keine geeigneten Antworten zur richtigen Zeit erhalten haben, um zu versuchen, die Lage rückgängig zu machen.

Das geht soweit, dass im Bereich der Stottertherapie viele ehemalige Stotternde vorhanden sind, die sich selbst geheilt haben oder mit umerziehenden Maßnahmen behandelt wurden, die phonetische Ansätze vorschlagen, die wiederum aus einer umerziehenden und symptomatischen Sicht des Problems entstanden sind.
Aber jeder Stotternde weiß tief in sich selbst, dass die Situation nicht so einfach ist, wie man das darstellen möchte. Der Stotternde kennt seine eigenen Ängste, die strengen kognitiven Stellungsnahmen, die Vernunftwidrigkeit einiger seiner Ideen, die sich gegen die realistische Möglichkeit stellen, angemessene Wechselbeziehungen aufzubauen.

Die menschliche Verständigung sollte keine leidvolle Erfahrung sein, wie im Falle des Stotternden, der manchmal sogar nicht in der Lage ist, ein einfaches Telefongespräch zu führen, oder der nur mit großer Scham in einem Café etwas bestellt.
Auf der Ebene der interpersonellen Kommunikation wird, das was für normal Sprechende einfach und manchmal angenehm ist, für den Stotternde zur reinen Qual.

Diese Sachlage beeinträchtigt die Möglichkeiten des Stotternden, seine kulturellen und menschlichen Ressourcen angemessen im sozialen Bereich einzusetzen. Gerade aus diesem Grund kann das Problem des Stotterns eine Einschränkung der persönlichen Entfaltung werden, auch auf Kosten des Reichtums der Referenzgruppe.
Wenn es stimmt, dass die Emanzipation und die Teilnahme am Beziehungsleben, Reichtum bilden, schafft eine bedeutende Begrenzung dieser Möglichkeiten Verarmung, und das selbstverständlich auf Kosten der Gemeinschaft. An diesem Punkt ist der Gedanke legitim, dass Stottern nicht nur eine individuelle Störung, also der Privatsphäre, darstellt. Die Haltung des Einzelnen, mit seinen Ängsten und seiner Unsicherheit in der Kommunikation, führt – auf Grund der Blockierung jener psychologischen und relationalen Energie – zu einer gewissen Verarmung des kollektiven Wachstumsprozesses.

Aus diesem Grund ist es wichtig, die Häufigkeit der Auswirkungen dieses Problems schon in der Kindheit zu begrenzen, mit dem Versuch dem stotternden Kind, die besten Gelegenheiten zu bieten. Es sollte vermieden werden, die Schwelle der Pubertät zu überschreiten, die eine wichtige Grenze verkörpert, damit das Stottern keine ernsthafte relationale Schwierigkeit wird. Es sollte also das Beste dafür getan werden, um sich so schnell wie möglich aus diesem Kommunikationsmuster zu lösen.